Trauerweide

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Das Buch Trauerweide ist eine poetische Darstellung eines Flüchtlingslebens.

Produktdetails

Besonderheiten

LESEPROBE

Als er die Buchhandlung betrat, hatte er das Gefühl, am bezauberndsten Ort der Welt zu sein. Alles was er sah, gefiel ihm. Es war das erste Mal, dass er sich in so einem Raum befand. Überall waren Bücher zu sehen: gestapelt auf Tischen, geordnet auf Regalen, gesammelt in Kisten. Und das nicht nur auf einer, sondern auf drei großen Etagen. Alles war neu und ordentlich in dieser Buch- handlung, wohin er auch schaute. Die Verkäuferinnen und Käufer waren höflich, so dass er sie mit Freude bewunderte. In der Mitte des Geschäfts lief ununter- brochen eine Rolltreppe, die Menschen mit Büchern in den Händen aufwärts und abwärts beförderte. Der Ort strahlte eine wohltuende Magie aus. Er hatte viel gelesen über solche Orte, hatte aber bis jetzt keinen einzigen gesehen.


Er hatte von einem beinahe blinden Dichter gehört, für den der Ort der Bücher ein Paradies war. Diese Vorstellung brachte ihn dazu, sich neben Büchern wie am Ufer eines Flusses zu fühlen, oder wie vor einer Quelle, um dem Wasser zu lauschen. Ja, die Quellen zogen die Menschen seit Altersgedenken an. Das Bild des blinden Dichters erinnerte ihn an die wandernden Rhapsoden, die in uralten Zeiten ihre Erzählungen vorsangen, als es noch keine geschriebenen Bücher gab, sondern Erzählugen mündlich überliefert wurden. Der wandernde Rhapsode, auch der blinde Sänger, rief die Erzählungen aus dem Gedächtnis ab und trug sie singend vor. Dabei fügte er wohl etwas von sich hinzu, denn es waren tausende von Versen, die er erinnern musste. Solche Gedankenspiele machte er gerne, wenn er sich zwischen den Büchern aufhielt. Sollte er sich aber zwischen dieser Buchhan- dlung und einer Bibliothek entscheiden, würde ihm dies schwer fallen. Biblio- theken schienen ihm allzu ruhige Orte, wiewohl er auch dies gerne mochte. Man hörte dort ausschließlich das Umblättern der Seiten und ab und zu leise Schritte zu den Regalen hin. Die von ihm entdeckte Buchhandlung war dagegen ein leben- diger Ort, Käufer gingen ständig ein und aus, waren bereit, Geld für Bücher zu bezahlen, um sie nicht nur hastig lesen zu müssen. In diesem großen Buchladen gab es jedoch auch ruhigere Oasen, wohin man sich zurückziehen, in aller Ruhe Bücher betrachten, in der Hand halten, aufschlagen, lesen oder einfach wieder zuklappen konnte: die Bücher zuklappen, einmal durchatmen, dann sie wieder öffnen, als seien es Edelsteine, an denen man sich nicht satt sehen könne.

 

Während ihm dies alles durch den Kopf ging, war ihm klar, dass er immer wieder hierher kommen würde. Dazu luden auch die zwischen den Büchern aufgestellten roten Sofas ein, auf die sich die Besucher setzen und lesen konnten. Er war ein wenig überrascht, als er dort auch eine Liege vorfand, falls jemand müde war oder einfach im Liegen  lesen  wollte.  Es war für ihn so, als würde man einem fremden Besucher ermöglichen, kostenlos Bücher nicht nur zu berühren und aufzu- schlagen, sondern auch stundenlang zu lesen und sie wieder zurück in die Regale zu stellen, ohne sie am Ende kaufen zu müssen. So etwas kannte er nicht. Es war eine gelungene Mischung aus Bibliothek und Buchhandlung. Und als ob das  nicht genug wäre, entdeckte er auf der dritten Etage dieses großen Gebäudes ein Restaurant, das ebenso zu diesem Geschäft gehörte. Dort konnte man in den Pausen Kaffee trinken oder Kuchen essen. Er war so begeistert, dass er nicht wusste, wo er anfangen sollte. Welches Buch sollte er in die Hand nehmen, und welches Buch sollte er zu Ende lesen? Als er nach einer Stunde merkte, dass er nur in wenigen Büchern blättern konnte, bedauerte er, dass der Mensch nicht die Fähigkeit besäße, innerhalb kürzester Zeit all diese Buchstaben, mit den Augen verschlingen zu können. Warum brauchte  man  so  viel Zeit, um all diese Bücher zu lesen. All die Buchstaben dieser Bücher kamen ihm wie flüssige Materie vor, etwas, was gut schmeckte, wie Milch oder Wasser, Getränke, die er in dem Dorf, das er verlassen musste, als Kind oder Jugend- licher getrunken hatte, wenn die Sonne heiß brannte und er durstig zum Brunnen ging.