Der Sarg von Prishtina

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Das Buch Der Sarg von Prishtina erzählt von einer Demonstration zur Zeit der
Diktatur von Milosevic, die die Beerdigung der Gewalt zum Ziel hatte. Tausende von
Menschen trugen demonstrativ einen leeren Sarg zu Grabe. Kurz vor Ausbruch des
Krieges in dem ehemaligen Jugoslawien war das wie ein Hilferuf an die Welt. Die
Angst war groß und machte das individuelle wie auch das kollektive Leben sehr
schwer. Aus diesem Trauermarsch ist zu entnehmen, ein ganzes Volk fühlte sich in
seiner Existenz bedroht.

Produktdetails

Besonderheiten

LESEPROBE

Es war ein besonderer Tag, ein Tag, den man ein Leben lang nicht vergisst. Der Sarg war vor dem Altar aufgebahrt. Ich blieb mit vielen anderen draußen vor der Kirche, da die Kirche nicht alle fasste. Der Sarg war zugedeckt, Blumen lagen auf dem Sarg. Ein Sarg wie viele andere, ein helldunkler, schlichter Sarg. Alle blickten auf ihn. Alle, auch der Priester, als stünde er vor einem aufgebahrten Leichnam und nicht vor einem leeren Sarg. Der Priester zelebrierte eine Totenmesse. Da es sehr viele Trauergäste gab, mussten viele draußen bleiben und auf dem Kirchhof oder auf der Straße warten. In den letzten Tagen war viel davon die Rede gewesen. Viele fühlten sich angesprochen und wollten sich dem Leichenzug anschließen. Aus den Fenstern der Hochhäuser beobachteten Menschen neugierig das Geschehen. „Was ist das für eine Beerdigung!? …“ fragten sie sich vielleicht. Einige wunderten sich, dass der Sarg in eine katholische Kirche gebracht worden war. Man hätte diesen genauso gut in eine Moschee oder in eine Tekke (ein Sufizentrum) bringen können ..

Während wir vor der Kirche warteten, blickte ich auf die Mauern der Häuser. Ich sah sie, und ich sah sie nicht. Mir kam das alles wie ein Traum vor. Es war, als würde sich im Traum der Sarg von allein und automatisch durch die Straßen bewegen, wie von Zauberhand geführt. Die Sonne schien und glitt wie ein Kamel über die Köpfe der versammelten Menschen hinweg. Ich wusste nicht, warum ich da war. Warum ich nicht in meinem Zimmer geblieben war, um mich mit etwas anderem zu beschäftigen. Warum ich nicht im Haus meiner Eltern war, im Dorf, weit weg von all dem hier, im Schatten ferner Räume unterhalb eines Bergwaldes. Ich frage mich immer noch, warum ich damals dort war und nicht woanders, an einem anderen Ort, in einem anderen Land. Ich sah die Menschen, die vor der Kirche standen, als ob ich verstehen wollte, warum sie vor dem leeren Sarg standen. Oder irgendetwas begreifen wollte, etwas was tiefgründiger und schwer zu fassen war. Ich bilde mir ein, ich hätte damals in den Gesichtern der vor der Kirche versammelten Menschen etwas gelesen. In Wahrheit war ich wohl verwirrt, wegen dem, was sich ereignet hatte. Ich muss schockiert gewesen sein und hatte mich wohl naiv gefragt, wie das alles geschehen konnte, wie Menschen so böse sein konnten. Auch wenn ich die Frage nach der Unfähigkeit der Gesellschaft, der Gewalt Einhalt zu gebieten, hätte beantworten können und Gründe dafür hätte angeben können, so wäre es doch schwer gewesen, etwas dagegen zu unternehmen. Ich betrachtete die Gesichter der vor der Kirche versammelten Menschen. Mir war, als würde ich die Klagefrauen meines Dorfes sehen, meine Verwandten, die einen Toten beklagten. Zum Abschied von dieser Welt, ein nochmaliges, vielleicht nur kurzweiliges Erinnern. Ein Zurückrufen ins Leben, bevor man den Leichnam in den Sarg betten würde. Die Klagefrauen erzählten in ihren Klagen von dem Toten. Auch Dinge, die noch nicht gesagt worden waren, sollten in der Stunde des Abschieds gesagt werden. Ein letztes Erzählen vor dem Leichnam, als wäre die Anwesenheit des verblichenen Körpers unbedingt notwendig bei diesem einmaligen Erzählen.